Offener Brief der gbs an den Bundespräsidenten

Posted: May 16, 2011 in atheismus, gesetze, unverschämtes

Diesen offenen Brief aus dem Jahr 2009  der gbs (Giordano Bruno Stiftung) würde ich gerne mal hier veröffentlichen.  Das Lieblingsargument der religiösen Menschen für die Manipulation unser Kinder ist ja immer entweder “Das schadet deinem Kind doch nicht!” und “Das ist doch so eine schöne Sache an Gott zu glauben, dein Kind braucht sowas doch. Wie soll es denn sonst mit der Welt richtig umgehen…” BRRRRRRRRRRR *gänsehaut*

Hier der Brief:

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
in Ihrem Grußwort zur Festveranstaltung „50 Jahre Institut für Neutestamentliche
Textforschung“, sagten Sie, die Bibel sei das „wichtigste Buch“,
das Sie kennen. Der „Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten“
(IBKA) nahm diesen Ausspruch zum Anlass, um die Bevölkerung dazu
aufzurufen, Ihnen zur Weihnachtszeit Bücher zu schenken, in der Hoffnung,
dies könnte vielleicht dazu beitragen, dass Sie Ihr Urteil revidieren.
Wir hielten diesen Aufruf zunächst für einen nicht ganz Ernst gemeinten
Scherz im freundlich-feindlichen Wettstreit der Weltanschauungen. Doch als
wir Ihre Rede lasen, wurde uns klar, dass sich hinter diesem Scherz sehr
wohl ein ernsthaftes Problem verbirgt, das einer grundsätzlichen Erörterung
bedarf.
Dabei geht es uns nicht um Ihre persönlichen Buchpräferenzen, obwohl wir
grundsätzlich die Meinung vertreten, dass unsere moderne Verfassung das
wichtigste Buch des Bundespräsidenten sein sollte und nicht eine 2000 Jahre
alte, weltanschauliche Schrift. Es geht uns auch nicht darum, dass Sie persönlich
die Bibel als einen wichtigen Wegweiser betrachten, der Ihnen bei der
Suche nach dem Sinn des Lebens hilft, obgleich uns auch das angesichts der
Fülle neuerer, wissenschaftlicher und philosophischer Literatur ein wenig irritiert.
All dies hätte uns nicht dazu motiviert, auf Ihr Grußwort zu reagieren.
Der Grund für unser Schreiben ist, dass Sie in Ihrer Rede empfehlen, Kindern
die Bibel vorzulesen, weil dies angeblich ein „wertvoller Beitrag für die
frühkindliche Erziehung“ sei.
An dieser Stelle müssen wir energisch widersprechen! Denn die Bibel hat auf
Kinder vor allem eine desorientierende Wirkung. Denn sie vermittelt falsche
Ansichten über die „Natur der Dinge“ (etwa bezüglich der Entstehung der
Welt). Zudem enthält sie ethisch höchst problematische Anweisungen, die
dem mittlerweile erreichten Stand unserer kulturellen Evolution nicht mehr
entsprechen (beispielsweise die durchgängige Diskriminierung von ungläubigen,
andersgläubigen oder homosexuellen Menschen in den Texten des Alten
und Neuen Testaments).
Wir bestreiten dabei keineswegs, dass die Bibel sehr wohl auch in einem aufklärerischen,
humanen und mit wissenschaftlichen Erkenntnissen kompatiblen
Sinne gelesen werden kann. Allerdings setzt dies einiges Vorwissen voraus:
Man muss beispielsweise die Evolutionstheorie verstanden haben, um
die kreationistischen Konzepte der Bibel relativieren zu können. Ebenso muss
man den Prozess der menschlichen Kulturentwicklung begriffen haben, um
die oft grausamen, biblischen Normen historisch-kritisch einordnen zu können.
Das Problem ist, dass Kinder über derartiges Vorwissen nicht verfügen. Sie
besitzen daher auch nicht die Möglichkeit, die an sie herangetragenen Glaubensaussagen
zu relativieren. Stattdessen nehmen sie die kreationistischen
Vorstellungen der Bibel wörtlich, im schlimmsten Fall entwickeln sie irrationale
Ängste gegenüber einem strafenden Schöpfergott, der, wie sämtliche
Kinderbibeln bildreich berichten, dereinst keine ethischen Bedenken dagegen
hatte, nahezu alle Menschen und Tiere im Zuge der „Sintflut“ zu ertränken.
Führt man sich die verheerenden Konsequenzen einer vorkritischen Aneignung
von Glaubensaussagen vor Augen, so erscheint Ihr Ratschlag, schon
den Kleinsten die Bibel vorzulesen, als eine „Anstiftung zur weltanschaulichen
Indoktrination von Kindern“! Selbstverständlich ist uns klar, dass eine
derartige weltanschauliche Beeinflussung in der Regel in allerbester Absicht
geschieht. Die Tradition der religiösen Indoktrination ist so etabliert, dass
sich gemeinhin niemand bewusst macht, was wir unseren Kindern antun,
wenn wir sie mit Glaubensaussagen konfrontieren, ohne ihnen zuvor die
Kenntnisse vermittelt zu haben, mit deren Hilfe sie diese Aussagen angemessen
einordnen können.
Es kann doch nicht richtig sein, dass wir unsere Kinder schon im frühsten
Alter mit kreationistischen Vorstellungen konfrontieren, während ihnen das
wissenschaftlich akzeptierte Weltbild der Evolutionstheorie erst sehr viel später
nahe gebracht wird (in den meisten Lehrplänen taucht sie als eigene
Lerneinheit erst im 10. Schuljahr auf!)! Wäre es nicht besser und einer modernen,
pluralen Gesellschaft auch weit angemessener, wenn wir den Kindern
zunächst einmal das vermitteln würden, was wir mehr oder weniger
gesichert über die „Natur der Dinge“ wissen, bevor wir zusätzliche religiöse
Weltdeutungen an sie herantragen?
Wir sind davon überzeugt, dass die Evolutionstheorie als elementarer Bestandteil
unseres heutigen Weltwissens bereits in der Grundschule gelehrt
werden müsste! Darüber hinaus sollte die Grundschule den Kindern auch einen
gewissen „Schutzraum“ vor religiöser Beeinflussung bieten. Das heißt:
Schülerinnen und Schüler sollten zunächst ein halbwegs solides Grundwissen
erwerben, bevor sie im Unterricht mit religiösen Inhalten konfrontiert werden!
Leider wird die gängige Praxis der weltanschaulichen Manipulation in der
Schule kaum problematisiert. Warum? Weil wir offenbar mit allergrößter
Selbstverständlichkeit davon ausgehen, es gäbe tatsächlich „katholische“,
„protestantische“ oder „muslimische“ Kinder. Doch bei genauerer Betrachtung
gibt es derartige Kinder natürlich ebenso wenig, wie es „christlichsoziale“,
„liberale“, „sozialdemokratische“ oder „grüne“ Kinder gibt!
Was wäre denn davon zu halten, wenn Kindern von CDU-Wählern das CDUGrundsatzprogramm
in der Grundschule vermittelt würde, so wie Kindern
von Katholiken katholischer Religionsunterricht erteilt wird?! Es wäre wohl
jedem klar, dass es sich hierbei um eine missbräuchliche Indoktrination von
Kindern handeln würde! Warum sollte dies im Falle der Religion anders sein?
Wir würden es sehr begrüßen, wenn Sie, Herr Bundespräsident, gegen diese
subtile Form der weltanschaulichen Manipulation von Schülerinnen und Schülern
einschreiten würden! Statt die Kinder in der Schule auf eine spezifische
Weltanschauung hin zu normieren, sollte ihnen ein offenes, wissenschaftlich
fundiertes Weltbild vermittelt werden, auf dessen Basis sie später als entscheidungsfähige,
junge Menschen ihre eigene Weltanschauungswahl treffen
können!
Sehr geehrter Herr Bundespräsident, wir hoffen, Sie tragen es uns nicht
nach, dass wir in diesem Offenen Brief deutliche Worte gewählt haben. Doch
es ist uns wichtig, das Problem in aller Klarheit zu benennen. Nachdem dies
nun geschehen ist, möchten wir aber auch dem oben erwähnten, freundlichen
Aufruf des IBKA nachkommen. Und so finden Sie in der Anlage dieses
Schreibens einige Werke, die wir Ihnen als weihnachtliche Buchgeschenke
zukommen lassen möchten:

Das Kinderbuch „Susi Neunmalklug erklärt die Evolution“ entzaubert
die kreationistischen Vorstellungen, die Kindern leider allzu häufig
vermittelt werden, es ist also in gewisser Weise ein „Gegengift“ zu den
von Ihnen so gelobten Kinderbibeln. (Die Autoren würden das Buch
übrigens gerne vom Markt nehmen, wenn dies auch im Falle der Kinderbibeln
geschähe!)

„Die Geschichte vom frechen Hund“ hat keinen religionskritischen Inhalt,
verdeutlicht aber auf humorvolle Weise, wie man bereits den
Kleinsten der Kleinen grundlegende ethische Konzepte vermitteln
kann, ohne dabei auf einen (wie auch immer gearteten) „Gott“ zurückgreifen
zu müssen.

Außerdem übersenden wir Ihnen drei Bücher mit wissenschaftlichphilosophischem
Inhalt:

Das „Manifest des evolutionären Humanismus“ wurde im Auftrag der
Giordano Bruno Stiftung geschrieben und skizziert zentrale Elemente
einer „zeitgemäßen Leitkultur“.

Die Broschüre „Happy Birthday, Charly!“ erschien als 3. Band der gbs-
Schriftenreihe und enthält die Reden, die auf dem diesjährigen Festakt
zum 200. Geburtstag Darwins in der Deutschen Nationalbibliothek
Frankfurt gehalten wurden.

Zu guter Letzt finden Sie in dem Paket das jüngste Buch von Michael
Schmidt-Salomon. In „Jenseits von Gut und Böse – Warum wir ohne
Moral die besseren Menschen sind“ zeigt der gbs-Vorstandssprecher
auf, warum wir uns von althergebrachten Moralvorstellungen befreien
sollten, wenn wir eine faire, auf Freiheit und Gleichberechtigung abzielende
Ethik entwickeln wollen.

In der Hoffnung, dass Sie trotz Ihrer vielfältigen Verpflichtungen Zeit für die
eine oder andere Lektüre finden, verbleiben wir mit freundlichen Grüßen

Im Namen des Vorstands der Giordano Bruno Stiftung:
Herbert Steffen

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